Zeitreisen. Literarische Schauplätze „Unter den Linden“

Sie wundern sich, dass alle Männer hier plötzlich stehenbleiben, mit der Hand in die Hosentasche greifen und in die Höhe schauen? Mein Lieber, wir stehen just vor der Akademieuhr, die am richtigsten geht von allen Uhren Berlins, und jeder Vorübergehende verfehlt nicht, die seinige darnach zu richten. Es ist ein possierlicher Anblick, wenn man nicht weiß, dass dort eine Uhr steht.

[Heinrich Heine aus: Und grüß mich nicht unter den Linden]

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Literarischer Mauerspaziergang

Aber der Verdacht, die Individuen in Deutschland seien auf eine schreckliche Weise verwechselbar, lässt sich nicht an der Grenze abfertigen. Die Erkenntnis von der Formbarkeit des Einzelnen in diesem Land erkennt die Mauer nicht an und sucht früher oder später die Ich-Form: Was wäre aus mir geworden, wie würde ich denken, wie sähe ich aus, wenn.

[Aus Peter Schneider: Mauerspringer]

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Mauertour: Berlin leckt seine Wunden

Aus dem Nebenzimmer habe ich Oberst Rudi Ziegenhorn angerufen, der in der Hauptabteilung VI des MfS für uns zuständig war.  „Hast du den Quatsch von Schabowski auch gehört“, fragt er mich. „Ja, eben, deshalb rufe ich Sie ja an“, sage ich. „Was ist denn jetzt los?“ „Ja nichts“, sagt er, „was soll denn sein?“ Ich sage: „Na ja, Sie haben es doch selber gehört!“ „Na eben“, sagt er, „das geht ja gar nicht. Sind denn schon welche bei Euch an der GÜST?“ „Im Moment noch nicht“, sage ich, „aber ich rufe mal unten im Bereich Vorkontrolle an.“

Ich habe dann im Bereich Vorkontrolle anrufen lassen. „Posten VII“ nannte man das damals, und dort befand sich auch der Schlagbaum. Der Diensthabende meldete, dass die ersten zehn oder zwanzig Personen schon da seien und fragen, ob sie reisen dürfen. Ich sage zu Ziegenhorn: „So zehn oder zwanzig Mann stehen vor der GÜST.“ „Na ja“, sagt er, „dann warte erst einmal ab. Lass die mal stehen, und schick sie zurück.“

[Harald Jäger, Stellvertreter Passkontrolle am Grenzübergang Bornholmer Straße, zit. In Hertle, Hans Hermann und Kathrin Elsner (Hg.) Der Tag, an dem die Mauer fiel, Nicolai, 2009: 86 ]

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Kurfürstendamm-Geburtstagstour

War abends noch am Kurfürstendamm. Hübsche Mädchen mit Schleifen im Haar und Umhängetaschen schlendern zwischen englischen und amerikanischen und französischen Soldaten einher. Bei den deutschen jungen Männern fällt der betont zivile Haarschnitt auf. Hot Jazz klingt aus Lokalen, in denen es nur Heißgetränke und nichts zu essen gibt. Zeitungen mit neuen Namen werden ausgerufen: Tagesspiegel, Telegraf, Die neue Zeit. Dabei ist der Kurfürstendamm nur eine Kulisse. Ausgebrannte Fassaden, darin zu ebener Erde provisorische Räume. Wer hochschaut, sieht den Himmel durch die Fensterhöhlen.

[Ursula v. Kardorff aus: Berliner Aufzeichnungen. Aus den Jahren 1942-1945 ]

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